Univ.Prof. Dr. med. Dr. phil Georg Hörmann
Dipl.Psych., M.A. (Musikwissenschaft), Arzt für Psychotherapie,
Vorsitzender des Berufsverbandes für Kunst-,
Musik- und Tanztherapie gem. e.V. /
First European Association of Arts Therapies (BKMT/FEAT)
Musiktherapie ist eine seit alters vielfach bewährte Errungenschaft von Musikern und dafür aufgeschlossenen Ärzten. Die in der Heilkunde nachweisliche Wirkung von Musik beruht maßgeblich auf dem fundierten musikalischen Können des ausgebildeten Musikers, der den ungeheuren Reichtum musikalischer Substanzen und ihrer Konfigurationen sachgerecht, situationsbezogen und adressatenorientiert einzusetzen versteht.
Unter Berufung auf die jedermann erfahrbare Wirkung von Musik und ihren hohen Kulturwert erfuhr im Zuge des Psychobooms mit seinem Hang nach alternativen Therapien auch die Musiktherapie verstärkte Aufmerksamkeit. Jedoch wurde sie weniger von professionellen Musikern als vielmehr hauptsächlich von Psychologen und Pädagogen vereinnahmt. Musik wurde einseitig als Kommunikationsmedium definiert und, im wesentlichen auf die Produktion von Geräuschen reduziert, als sozialpädagogischer Studiengang etabliert, dessen Dozenten zum größten Teil keine Musikhochschule absolviert haben. Der Mangel an musikalischer Qualifikation wird absurderweise als Vorteil kaschiert ganz in der Tradition, die Brockhoff in ihrem Beitrag "Musik und Medizin in Geschichte und Gegenwart" (in: Hörmann, K. (Hg.), Musik- und Kunsttherapie, Regensburg 1986, S. 20) folgendermaßen charakterisiert: "Aus der oft noch zu hörenden Ansicht 'ein bißchen Musikmachen kann sicher nichts schaden' spricht noch mittelalterliche Verachtung des Musikerstandes". Auch die von diesem Kreis gegründete "Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie" und ihr Mitteilungsblatt "Musiktherapeutische Umschau" repräsentieren dir für Musiktherapie, einem Fachberuf mit dem Wort Musik, sonderbare Ideologie: Vorsitzender dieser Gesellschaft ist ein Psychologe, der derzeit berufsbegleitend Musiktherapie studiert; Herausgeber des Mitteilungsblattes ist ein Schulfunkredakteur ohne Hochschulabschluss in Musiktherapie - ein gravierender Mangel, der sich im unkritischen Abdruck dubioser Kampagnen und offensichtlichen Unsinns niederschlägt.
Von dieser Richtung, die sich als Repräsentanz der Musiktherapie in Deutschland ausgibt, hebt sich das Musiktherapiezentrum Kärnten wohltuend ab. Im Sinne einer anspruchsvollen Musiktherapie, die von heutigen Hör- und Musizierweisen aufgeht, die Patienten aktiviert, sie ernst nimmt, musikalisch ausbildet und zu Erfolgserlebnissen innerhalb und außerhalb ihrer Gruppe führt, greift der Kärntner Ansatz die Erfahrungen der diätetischen Medizin auf, die erst durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommenen naturwissenschaftlichen Konzepte heutiger Schulmedizin verdrängt worden sind (siehe: Rudolf Schumacher: Die Musik in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Marburger Schriften zur Medizingeschichte, Band 4, Peter Lang, Frankfurt-Bern 1982).
Der Lehrgang für Musiktherapie in Wien hat zwar erheblich mehr musikalische Substanz, ist aber einseitig auf die Klavierfertigkeiten seines bisherigen Leiters ausgerichtet, denen gegenüber ein Patient stets hoffnungslos unterlegen ist und dementsprechend kaum je das notwendige Selbstwertgefühl aufbauen kann. Mögen die Heidelberger und Wiener Ansätze in Einzelfällen angebracht sein, so verkennen sie doch das weite Spektrum an musikalischen und psychischen Erlebniswelten mit ihren mannigfaltigen therapeutischen Perspektiven. Die Monopolisierung und Standardisierung eines Teils dieses musiktherapeutischen Spektrums zementiert musikalischen Dilletantismus und Unwissenschaftlichkeit; die Intoleranz und Ausgrenzung einer nachgewiesenermaßen therapeutisch wirksamen Einrichtung, wie sie das Kärntner Musiktherapiezentrum darstellt, entlarvt sich als Minderwertigkeitskomplex, Neid und irrationaler Haß, der sich bis zu ungeheuerlichen Formulierungen wie "psychische Euthanasie" verirrt. Der Vorwurf einer "psychischen Euthanasie", den der Bremer Prof. Dr. Feuser erhebt (vgl. Musiktherapeutische Umschau 12, 1991, S. 336), erinnert in fataler Weise an ein aus der jüngsten Zeit stammendes vergleichbares Vorgehen aus der Bundesrepublik Deutschland. Den Gesetzesentwurf des hiesigen Gesundheitsministers Seehofer für ein Gesundheits-Strukturgesetz zur Einsparung von Kosten im mit Riesendefiziten arbeitenden Gesundheitswesen bekämpfte eine Anzeigenkampagne der Aktionsgemeinschaft Berliner Kassenärzte gleichfalls massiv u.a. mit der Unterstellung von Euthanasieabsichten. Mit Recht fragt der Journalist Kurbjuweit in der Wochenzeitung "Die Zeit" Nr. 38 vom 11.9.1992, S. 25: "Wer so blindwütig austeilt, scheint um seine Existenz zu fürchten". Nicht weniger bleibt zu fragen, was einen Professor außer patrimonialer "Fürsorglichkeit" und wohlvertrauter Bevormundung, welche behinderten Menschen verordnet werden soll, veranlassen mag, mit solchen diskriminierenden Äußerungen einigen Musiktherapiefunktionären Schützenhilfe zu leisten bei der Abqualifizierung mißliebiger Strömungen oder selbst nicht vorzuweisender Erfolge. Während sich jedoch die deutschen medizinischen Standesvertreter und Fachjournale ziemlich einhellig von ähnlichen Geschmacklosigkeiten und Entgleisungen distanzierten (vgl. Deutsches Ärzteblatt 89, 1992, Heft 37, Editorial), bietet sich das literarische Organ der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie offenkundig wieder bereitwillig an zur Austragung solcher Schlammschlachten, um die eigene Position zu stärken. Dem Musiktherapiezentrum Kärnten und seinen Zweigstellen mit seinen professionellen Musikern und ausgewiesenen Wissenschaftlern, das die segensreiche und weitgehend vergessene Tradition der Musiktherapie früherer Zeiten mit zeitgemäßen Musiziertechniken aufgreift und dessen bewundernswerte musiktherapeutische Erfolge weit über die Landesgrenzen Österreichs bekannt sind, ist um so nachdrücklicher die seinem Engagement und Erfolg entsprechende Anerkennung sehr zu wünschen.
Univ.Prof. Dr. med. Dr. phil Georg Hörmann, Dipl.Psych., M.A. (Musikwissenschaft), Arzt für Psychotherapie, Vorsitzender des Berufsverbandes für Kunst-, Musik- und Tanztherapie gem. e.V. / First European Association of Arts Therapies (BKMT/FEAT)